facebugs-1

facebugs

Inspiriert von Science Fiction, Parasiten und dem Sommerurlaub erschuf Katharina Mayrhofer die facebugs. Diese mutierten Meeresorganismen kriechen aus dem Wasser und befallen die am Strand liegenden Badegäste, um sie ihres Willens zu berauben. Sind sie erst einmal in ihren Wirt eingedrungen, können sie befallene Personen miteinander verknüpfen und fremd steuern. Die gekaperten Menschenkörper streifen ziellos durch die Gegend und spähen nach weiteren potenziellen Wirten.

Die aus recyceltem Gartenschlauch und Kabelbindern angefertigten Objekte sind schwarz lackiert und betten sich auf weißen Marmorsteinen.

 

Kurzgeschichte zu den Objekten:

Die Straße auf unserem Weg zum Campingplatz war seitlich mit Warnschildern ausgesteckt. Unendlich lange kam mir die Fahrt vor. Die Kinder am Rücksitz schliefen und mein Mann saß übermüdet am Steuer unseres Autos. Zwölf Stunden lang waren wir schon mit dem PKW und dem Zeltanhänger auf der Reise. Das Navigationsgerät empfahl uns links abzubiegen, um endlich an unseren Zielort zu gelangen.
Seit nun acht Jahren kommen wir hierher, auf die kleine Halbinsel, mit der Autofähre gut zu erreichen. Bei unserer Ankunft fiel mir auf, dass kaum Urlauber am Platz waren. Das ganze Gelände wirkte irgendwie verwahrlost. Als hätte sich schon lange Zeit keiner mehr um die Stellplätze und die dazwischen liegenden Wege gekümmert. Wir checkten dennoch ein und waren froh, endlich unser Zelt aufbauen zu können.
Die Kinder schliefen derweil noch weiter, während ich mit meinem Mann Steine sammelte, um die Zeltplane zu beschweren. Heringe schlugen wir nur an den wichtigsten Stellen in den felsigen Boden ein. Von unserem Stammplatz mit der Nummer 20 sah ich direkt auf den weißen Strand und das indigoblaue Meer.
Nach der langen Fahrt freute ich mich schon auf das Schwimmen und der darauf folgenden warmen Dusche.
Die Gunst der Stunde nutzend, gab ich Julian kurz Bescheid. Er sollte bei den Kindern bleiben, während ich schnell meine Badesachen aus dem völlig überfüllten Kofferraum zupfte und in meinen Sandalen runter zum Meer schlurfte.
Auf dem Weg dorthin sah ich schon von Weitem einen mir bekannten Gast, der sich wie wir immer im selben Zeitraum einen Stellplatz am Camping reservieren ließ.
Ich erkannte ihn sofort an seiner ausgewaschenen lila Badehose mit der Aufschrift „milka“, die wie jedes Jahr unverändert um seine Hüften schlabberte. Ich fragte mich, wie oft er den Gummizug schon ausgewechselt hatte oder ob er davon mehrere Stücke besaß? Es musste wohl ein Werbegeschenk sein. Egal, ich grüßte ihn freundlich schon von Weitem.
Er erwiderte meinen Gruß aber nicht. Als ich näher kam, fiel mir auf, dass er sich kaum bewegte. Er stand da nur herum. Und als ich sein Gesicht aus der Nähe betrachtete, sah ich, dass seine Haut rote Blasen geworfen hatte, die ihn völlig entstellten.
Irritiert ging ich an ihm vorbei und suchte nach einem Felsen am Strand, an dem ich mein Handtuch ablegen konnte. Außer mir ließ sich noch eine Urlauberin nieder. Andere Badegäste waren nicht da, aber viele Handtücher, die, um dem Wind zu trotzen, mit Steinen an den Zipfeln beschwert dalagen.
Einen Moment lang genoss ich die salzige Brise, die mir um den Körper wehte, und setzte mich auf einen Felsen, um auf das Wasser zu starren. Die Farben sind es weshalb ich jedes Jahr hier herkomme. Man blickt auf das blaue Wasser und spürt, wie sich der Körper mit Energie füllt. Der Anblick inspiriert mich.
Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Im Augenwinkel erkenne ich, dass die Urlauberin von vorhin wie wild mit ihren Beinen strampelt, abrupt hört sie damit auf. Mein Blick wandert über ihren Körper. Vor Schreck zucke ich zusammen. Auf ihrem Kopf befindet sich ein schwarzes Tier.
Was es genau ist, kann ich nicht sagen.
Ist es ein Fisch? Ist es eine Qualle? Es muss jedenfalls aus dem Meer gekrochen sein und hat sich an ihrem Gesicht festgesaugt. Lange schwarze Fühler haben ihren Kopf fest umwickelt. Der hintere Teil des Tieres stützt sich auf ihrem Busen ab.
Es ist ganz still, ich höre nur den Wind und spüre, wie er mir meine Haare durchwirbelt. Mein Bauchgefühl hält mich davon ab der Frau zu helfen. Während meine Gedanken noch kreisen, lässt das seltsame Wesen plötzlich von ihr ab und rollt ins Meer. Mit der nächsten Welle ist es auch schon wieder abgetaucht.
Ich bewege mich auf die Frau zu. Regungslos liegt sie da. Ich fühle ihren Puls und stelle mit Erleichterung fest, dass sie noch am Leben ist. Beim Versuch mit ihr zu sprechen, scheitere ich. Ihr ganzes Gesicht ist stark verbrannt und von roten Blasen übersät. Es ist unmöglich eine Antwort zu bekommen.
Ich laufe los. Zurück zum Stellplatz. Zurück zu meiner Familie, um über das Handy die Rettung zu alarmieren. Dort angekommen, delegiere ich meinen Mann herum. Er solle sofort die Kinder ins Auto packen, welche vor kurzem aufgewacht sind und mit einer streunenden roten Katze spielen. Ich greife zu meiner Tasche, vergewissere mich, dass genug Bargeld und mein Handy darin liegen und dränge meine Familie dazu, jetzt sofort einzusteigen.
Erst jetzt fällt mir auf, wie ferngesteuert sich hier alle Urlauber bewegen. Was zum Teufel war hier los?
Wir rasen mit dem Auto rauf über die Straße, die uns direkt zum Check-In Point führt. Dort steige ich aus und schreie in meiner Verzweiflung den Campingplatzbetreiber an: „What the hell is going on here ?“ Da fällt mir zum ersten Mal auf, dass sein Gesicht völlig vernarbt ist, so wie man es von Verbrennungsopfern kennt. Er antwortet mir in einer stakkatoartigen, mir fremden Sprache. Kroatisch ist es jedenfalls nicht. Ich bewege mich langsam und rückwärts aus dem Check-In.
„Raus ins Freie und sofort wieder ins Auto“, denke ich. Erschöpft lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen. Da fällt mein Blick in den Seitenspiegel. Der Platzbetreiber und die wenigen Urlauber des Campingplatzes stehen geschlossen und nur wenige Meter entfernt hinter unserem Auto.
Wie auf Kommando bewegen sie sich plötzlich schnell in unsere Richtung. Der Tank ist halb voll, mein Mann drückt auf das Gaspedal, die Kinder schreien und wir breschen los.

 

Fotocredit: Kerstin Kieslinger